Die aktuell diskutierte Lockerung der EU-CO2-Standards für Pkw könnte bis 2035 bis zu 185.000 Arbeitsplätze in der europäischen Automobilindustrie kosten. Das zeigt eine neue Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT), die sich speziell mit den Beschäftigungseffekten der anstehenden politischen Entscheidung beschäftigt.
Der Streit dreht sich um das De-facto-Aus für Verbrenner-Neuwagen ab 2035. Aktuell müssen Hersteller bis 2030 eine CO2-Reduktion von 55 Prozent gegenüber 2021 erreichen, bis 2035 dann 100 Prozent. Die EU-Kommission hat Ende 2025 im "Auto-Paket" eine Aufweichung vorgeschlagen, erste Parlamentsausschüsse ziehen mit: Die Mehrheit der Abgeordneten will Hersteller nur noch zu 95 Prozent CO2-Reduktion bis 2035 verpflichten, mit zusätzlichem Spielraum von 7,5 Prozentpunkten bei Einsatz von klimafreundlichem Stahl aus Europa. Der Vorschlag muss aber noch durch weitere Gremien.
Das ICCT argumentiert gegen das gängige Argument der Branche, wonach die schnelle Elektrifizierung Jobs kostet. Die Studienautoren rechnen drei Szenarien durch: Beibehaltung der aktuellen Standards, Beibehaltung plus Industriepolitik, und eine fünfjährige Verzögerung der Normen. Ergebnis: Bis 2030 unterscheiden sich die Beschäftigungseffekte kaum. Bis 2035 öffnet sich die Schere deutlich.
Bei Beibehaltung der aktuellen Standards läge die Beschäftigung 2035 nur rund zwei Prozent unter dem Niveau von 2025. Kommen zusätzliche Maßnahmen zur Stärkung der EU-Produktion hinzu, etwa lokale Wertschöpfungsvorgaben wie im "Industry Accelerator Act" oder gezielte Produktionsanreize, steigt die Netto-Beschäftigung laut Studie um rund zehn Prozent beziehungsweise etwa 320.000 Jobs gegenüber 2025. Eine Lockerung der Standards kehrt diesen Effekt um: minus sechs Prozent oder bis zu 185.000 Arbeitsplätze. Zwischen dem besten und dem schlechtesten Szenario liegt damit bis 2035 eine Beschäftigungslücke von einer halben Million Jobs.
Der Mechanismus dahinter: Eine Lockerung bremst zwar kurzfristig den Stellenabbau bei Verbrennungsmotoren, verlangsamt aber gleichzeitig das Beschäftigungswachstum bei Elektrofahrzeugen, Batterieproduktion, Recycling und Ladeinfrastruktur. Unterm Strich ein Nettoverlust, so die Kernthese der Studie. Den größten Anteil an den Unterschieden zwischen den Szenarien macht die Pkw-Produktion selbst aus, Batterieherstellung, Recycling sowie Aufbau und Wartung von Ladeinfrastruktur gewinnen aber zunehmend an Gewicht.
"Die Abschwächung der CO2-Normen wird als Mittel zum Schutz von Arbeitsplätzen dargestellt, doch unsere Analyse zeigt das Gegenteil", sagt Sandra Wappelhorst, Forschungsleiterin beim ICCT und Hauptautorin der Studie. Sie plädiert dafür, die Standards mit Maßnahmen zur Stärkung heimischer EV-Lieferketten zu ergänzen statt an einer "veralteten Technologie" festzuhalten. Peter Mock, Direktor von ICCT Europe, ergänzt, dass sich batterieelektrische Fahrzeuge weltweit durchsetzen und die EU-Standards mitentscheiden werden, welche Rolle Europa dabei einnimmt.
Wichtig für die Einordnung: Das ICCT blendet in der Studie bewusst andere Einflussfaktoren wie Automatisierung, Digitalisierung oder geopolitische Trends aus. Es geht ausschließlich um die direkten Beschäftigungseffekte der CO2-Gesetzgebung, der Weiterbildungsbedarf der Belegschaft wird nicht bewertet.
Quellen
6 Quellen von 6 Herausgebern
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automotiveworld.com1 Quelle
background.tagesspiegel.de1 Quelle