Zehn Prozent günstiger über fünf Jahre, bei Anschaffung und Betrieb zusammengerechnet: Das ist der Vorsprung, den neue E-Lkw-Anbieter laut einer Studie von Transport & Environment (T&E) gegenüber etablierten europäischen Herstellern haben. Technologisch gebe es kaum Unterschiede. „Die sind im Grunde ja gleich gut“, sagt Johanna Braun, Policy Manager E-Mobility Freight & Infrastructure bei T&E, im Gespräch mit electrive. Entscheidend sei allein der Preis.

Die Gründe dafür liegen laut Braun vor allem in Skaleneffekten, besonders bei chinesischen Herstellern, die auf ihrem Heimatmarkt bereits in größeren Stückzahlen produzieren. Dazu kommt eine andere Produktionslogik: Europäische Hersteller setzen traditionell auf individuell konfigurierte Nutzfahrzeuge, neue Anbieter eher auf standardisierte Modelle mit effizienterer Serienfertigung.

Die neuen Wettbewerber streben laut T&E-Untersuchung einen Marktanteil von bis zu 25 Prozent in Europa an. Braun betont, dass es sich dabei um Herstellerambitionen handle, nicht um eine gesicherte Prognose. Trotzdem rät sie zur Wachsamkeit: Auch die gut ausgebauten Service- und Vertriebsnetze der etablierten Hersteller seien kein dauerhafter Schutz. „Das ist ein Vorteil, den sie jetzt noch haben, aber der schwinden wird“, warnt sie.

Besonders kritisch sieht Braun vor diesem Hintergrund Forderungen europäischer Nutzfahrzeughersteller, die CO₂-Flottengrenzwerte zu flexibilisieren. Die Industrie habe bereits erhebliche Entwicklungsleistung erbracht und überzeugende E-Modelle im Angebot. Jetzt gehe es darum, sie in größeren Stückzahlen auf die Straße zu bringen. „Im Grunde müssten die europäischen Hersteller jetzt wirklich nochmal eigentlich extra Gas geben“, fordert sie. Sonst drohe der Verlust des Heimmarkts an Wettbewerber von außen.

Das eigentliche Problem liege laut Braun inzwischen weniger beim Fahrzeugangebot als bei der Nachfrage. Noch hohe Anschaffungskosten erschweren Investitionsentscheidungen bei Speditionen, zusätzliche Unsicherheit über politische Rahmenbedingungen verstärke die Zurückhaltung. Werden die CO₂-Vorgaben aufgeweicht, könnte das laut Braun auch den Ausbau der Ladeinfrastruktur bremsen, weil Betreiber öffentlicher Ladeparks auf ausreichend E-Lkw im Markt vertrauen müssen, um wirtschaftlich zu arbeiten.

Bei der Ladeinfrastruktur selbst plädiert Braun für einen nüchternen Blick. Die aktuelle Infrastruktur reiche für den heutigen Fahrzeugbestand aus, und 70 bis 80 Prozent der Fahrzeuge werden ohnehin im Depot laden, nicht an öffentlichen Schnellladeparks. Entsprechend wichtig sei der Ausbau an den Betriebsstandorten der Unternehmen selbst.

Hinzu kommt der technische Fortschritt: Auf der IAA Transportation waren bereits E-Lkw mit Reichweiten von 650 bis 700 Kilometern zu sehen, womit sich für viele Einsatzprofile eine komplette Schicht ohne Zwischenladen absolvieren lässt. Dass eine angeblich unzureichende Ladeinfrastruktur immer wieder als Hindernis dargestellt werde, sieht Braun deshalb kritisch, solche Debatten würden nur zusätzliche Unsicherheit bei Käufern schüren.

Gleichzeitig gewinnen Betriebskosten als Kaufargument an Gewicht, weil hohe Dieselpreise Logistikunternehmen besonders stark treffen. Brauns Fazit fällt entsprechend klar aus: „Wir brauchen Vertrauen. Wir brauchen Klarheit und wir brauchen einen klaren Weg.“ Ihr Appell an Politik und Industrie: „Kein Zögern mehr!“

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