365 Meter Gesamthöhe, 300 Meter bis zur Nabe: Das Windrad im brandenburgischen Schipkau hat seine endgültige Höhe erreicht. Das teilte das Dresdner Unternehmen Gicon mit. Damit ist die Anlage nach eigenen Angaben und nach Einschätzung des Bundesverbands Windenergie das höchste Windrad der Welt und zugleich das zweithöchste Bauwerk Deutschlands, nur knapp unter dem Berliner Fernsehturm mit 368 Metern. Die offizielle Inbetriebnahme ist für November geplant, verzögert hatten sich die letzten Arbeiten wegen starker Windböen.

Möglich wurde die Höhe durch eine Teleskop-Bauweise. Der schlankere obere Turmteil wurde ebenerdig vormontiert und anschließend hydraulisch aus dem breiteren unteren Segment nach oben geschoben, inklusive Turbine. Der Grund: Kein handelsüblicher Mobilkran kommt in solche Höhen. Der Liebherr LR 13000 schafft laut Hersteller maximal 236 Meter Hubhöhe.

Die Grundidee stammt nicht von Start-up-Visionären, sondern von Horst Bendix, einem 2023 verstorbenen DDR-Ingenieur und früheren Forschungsleiter beim Schwermaschinenbaukombinat Kirow in Leipzig. Er wollte die Biegemomente am Turmfuß durch ein Dreibein-Fachwerk mit Seilabspannung abfangen, statt sie wie bei klassischen Türmen komplett über Beton aufzunehmen. Gicon griff die Idee auf, Auftraggeber ist die Bundesagentur für Sprunginnovationen, SPRIND. Die Bundesregierung bezifferte die geschätzten Baukosten im Februar 2025 auf rund 25 Millionen Euro, als vorläufigen Wert ohne Schlussrechnung.

Der Aufwand soll sich meteorologisch lohnen. Bodennahe Luft wird durch Wälder, Hügel und Siedlungen verwirbelt, die sogenannte Prandtl-Schicht. Ab etwa 150 bis 200 Metern beginnt die Ekman-Schicht, in der der Wind gleichmäßiger und schneller weht. Ein am Standort installierter Messmast registrierte im Jahr 2023/24 durchschnittlich 6,66 Meter pro Sekunde in 150 Metern Höhe und 8,51 Meter pro Sekunde in 300 Metern. Weil der Energieertrag mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit wächst, rechnet der zugrunde liegende Bericht von Gicon, beventum und SPRIND für eine beispielhafte 9,5-Megawatt-Turbine vom Typ Vestas V164 mit einem Kapazitätsfaktor von 43,8 Prozent in 300 Metern statt 26,8 Prozent in 150 Metern, ein Plus von 63,4 Prozent beim Jahresertrag.

Wichtig für die Einordnung: Diese Rechnung bezieht sich auf eine größere Modellturbine, nicht auf die tatsächlich installierte Pilotanlage. Die läuft mit einer VENSYS-126-Turbine und 3,8 Megawatt Nennleistung. Auch die oft genannte Zahl von bis zu 7.500 versorgten Haushalten bezieht sich laut Betreiberangaben auf eine spätere, größere Serienturbine, nicht auf die jetzige Pilotmaschine. Eine ältere Gicon-Prognose von Juli 2025 nennt für die Pilotanlage mindestens rund 18 Millionen Kilowattstunden pro Jahr, was rechnerisch auf einen Kapazitätsfaktor von etwa 54 Prozent hinausliefe, allerdings ebenfalls als Prognose und nicht als gemessener Betriebswert.

Offen sind mehrere technische und wirtschaftliche Fragen. Po Wen Cheng, Leiter des Stuttgarter Lehrstuhls für Windenergie, verweist auf sogenannte Low-Level-Jets: bandartige Starkwindzonen, die in ruhigen Nächten entstehen und Rotorblätter extremen Wechsellasten aussetzen können. Ob das Material die geplante Lebensdauer von 25 Jahren übersteht, muss der Betrieb erst zeigen. Uwe Ritschel von der Universität Rostock mahnt zur Vorsicht bei der Wirtschaftlichkeit, da doppelte Turmhöhe auch Material- und Gründungskosten deutlich erhöht. Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer IWES gibt zu bedenken, dass der große Nachlaufwirbel der Anlage benachbarten, niedrigeren Windrädern Wind wegnehmen könnte.

Der bisherige Höhenrekordhalter unter den Serienanlagen steht nach Angaben von Vestas und Max Bögl im bayerischen Winnberg, mit 199 Metern Nabenhöhe und 285 Metern Gesamthöhe, deutlich niedriger als Schipkau. Die immissionsschutzrechtliche Genehmigung für die Brandenburger Anlage wurde am 19. Dezember 2024 erteilt, inklusive Abschaltzeiten zum Schutz von Fledermäusen.

Quellen

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