Elektroautos senken die CO2-Emissionen über ihren gesamten Lebenszyklus im Schnitt um 41 Prozent gegenüber Verbrennern. Das ist das Kernergebnis einer neuen Studie des Forschungsverbunds CirculaTUM der TU München. Die EU-Flottengrenzwerte rechnen batterieelektrische Autos dagegen mit null Gramm CO2 pro Kilometer, also faktisch als hundert Prozent klimaneutral. Genau diese Lücke nennt die TUM eine "substanzielle Fehlsteuerung" der europäischen Klimapolitik.
Die Forschenden haben dafür 19 bereits veröffentlichte Studien mit insgesamt 47 modellierten Szenarien ausgewertet, laut TUM die bislang umfassendste Untersuchung in diesem Bereich. In rund 92 Prozent der Fälle schneiden E-Autos besser ab als Verbrenner, die Spannweite reicht aber von 89 Prozent weniger Emissionen bis zu einer um 21 Prozent höheren Belastung. Was den Ausschlag gibt: Fahrzeug- und Batterieproduktion, der Strommix beim Laden und das Recycling am Lebensende. Andere Analysen kommen zu deutlich günstigeren Werten für E-Autos, das International Council on Clean Transportation etwa beziffert den Vorteil eines 2025 in der EU verkauften batterieelektrischen Mittelklassewagens auf 73 Prozent gegenüber einem vergleichbaren Benziner. Solche Abweichungen erklären sich vor allem durch unterschiedliche Annahmen zu Strommix, Fahrzeuglebensdauer und Produktionsbedingungen.
Der eigentliche Kritikpunkt der TUM zielt nicht auf den Klimavorteil von E-Autos an sich, den bestreiten die Forschenden nicht. Kritisiert wird, dass die EU-Regulierung nur die Auspuffemissionen misst und damit weder Fortschritte bei CO2-armem Stahl, dekarbonisierter Batterieproduktion noch bei der Rohstoffrückgewinnung im Recycling belohnt. TUM-Professor Johannes Fottner bringt es so auf den Punkt: Eine Regulierung, die solche Beiträge nicht erfasst, kann sie auch nicht belohnen, und was sie nicht belohnt, finanziert die Industrie nicht im großen Maßstab. Als Ausgangspunkt für einen neuen, lebenszyklusbasierten Standard schlagen die Forschenden Stahl vor, weil dafür bereits eine vergleichsweise verlässliche Datengrundlage existiert.
Besonders brisant ist die Zielprognose: Laut einer der ausgewerteten Studien (Tang et al., 2023) würde der Pkw-Sektor beim angestrebten Tempo des E-Mobilitäts-Hochlaufs bis 2030 nur rund 80 Millionen Tonnen CO2-Reduktion liefern. Nötig wären aber etwa 188 Millionen Tonnen, um die EU-eigenen Ziele zu erreichen. Die Lücke liegt damit bei über 100 Millionen Tonnen. Diese Zahlen stammen aus einer Einzelstudie und sind keine eigenständige TUM-Prognose, zeigen aber laut den Forschenden das Ausmaß des Problems. Erschwerend kommt laut TUM hinzu, dass Verbrenner 2030 voraussichtlich noch rund 78 Prozent der europäischen Pkw-Flotte stellen, weil sich ein steigender E-Anteil bei Neuzulassungen wegen langer Nutzungsdauern nur verzögert im Gesamtbestand niederschlägt.
Das Bundesumweltministerium widerspricht der Kritik teilweise: Zwar bezögen sich die Flottengrenzwerte nur auf direkte Emissionen, andere EU-Instrumente wie die Batterieverordnung mit Recycling- und CO2-Fußabdruck-Vorgaben oder der Emissionshandel für die Stahlindustrie adressierten Produktions- und Recyclingemissionen aber bereits. Die TUM betrachte mit ihrem Fokus auf die Flottengrenzwerte nur einen Teil der Klimaregulierung.
Die Studie erscheint mitten in einer laufenden politischen Debatte. Die EU-Kommission hatte im Dezember 2025 im "Automotive Package" vorgeschlagen, das CO2-Reduktionsziel für neue Pkw ab 2035 von 100 auf 90 Prozent gegenüber 2021 zu senken, kompensierbar unter anderem über Gutschriften für grünen Stahl und klimaneutrale Kraftstoffe. Diese Gutschriften könnten laut TUM-Studie aber höchstens 10 Prozent der vorgeschriebenen CO2-Reduktion eines Herstellers abdecken. Die Abstimmung im Plenum des Europäischen Parlaments ist derzeit für den 23. November 2026 vorgesehen. TUM-Präsident Thomas F. Hofmann appelliert an Parlament und Rat, die laufende Überarbeitung zu nutzen, um eine verpflichtende, verifizierte Lebenszyklus-Berichterstattung einzuführen.
Quellen
- 01electrivewww.electrive.net/2026/09/01/tum-studie-fordert-nachbesse…
- 02ecomento.deecomento.de/2026/09/01/tum-studie-sieht-substanziel…
- 03tum.dewww.tum.de/en/news-and-events/all-news/press-relea…
- 04faz.netwww.faz.net/aktuell/wirtschaft/auto-verkehr/tu-muen…
- 05electrive.comwww.electrive.com/2026/09/01/munich-study-calls-for-revis…