Fastned ist seit 2017 in Deutschland aktiv und betreibt hier inzwischen rund 70 Standorte. Deutschlandchefin Linda Boll sagt im Interview mit electrive, dass heute nicht mehr Flächen oder Genehmigungen das größte Wachstumsrisiko sind, sondern die Netzanschlüsse. Der Grund: In Deutschland gibt es mehr als 850 verschiedene Verteilnetzbetreiber, jeder mit eigenen Anschlussbedingungen. „Da läuft gerade was ganz, ganz schief“, so Boll zur aktuellen Entwicklung.

Konkret geht es um neue Anschlussverfahren, die manche Netzbetreiber gerade einführen. Teilweise soll ein Netzanschlussbegehren künftig nur noch einmal im Jahr gestellt werden können. Nach Bolls Einschätzung kann das den Ausbau schnell um anderthalb bis zwei Jahre zurückwerfen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Projekte nach ihrem „Reifegrad“ priorisiert werden, also danach, ob schon eine Baugenehmigung vorliegt. Boll kritisiert, dass Fastned keine Baugenehmigung beantragt, bevor überhaupt klar ist, ob ein Netzanschluss realistisch ist. Das Prinzip stehe quer zu den eigenen Planungsprozessen.

Boll ist nicht nur Fastned-Deutschlandchefin, sondern auch Vorstandsvorsitzende von e-Mobility Deutschland e.V. In dieser Rolle brachte sie das Problem laut electrive bereits bei einem parlamentarischen Abend auf den Punkt: „Ohne Netzanschluss keine Ladesäule. So einfach ist das.“ Der Verband fordert bundesweit einheitliche, verlässliche Standards statt eines, wie Boll es nennt, bürokratischen Flickenteppichs, dazu häufigere Vergaberunden und ein gestuftes Verfahren, bei dem Betreiber nicht schon vor der ersten Kapazitätszusage hohe Vorinvestitionen stemmen müssen. Das Netzanschlusspaket der Bundesregierung, das genau diese Prozesse neu ordnen soll, steckt derzeit im parlamentarischen Verfahren.

Dass Netzanschlüsse zum Flaschenhals werden, passt zu einer Verschiebung, die auch auf der Ladeinfrastruktur-Konferenz des Bundesverkehrsministeriums sichtbar wurde. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger verwies dort auf 3,6 Millionen Elektroautos und rund 210.000 öffentliche Ladepunkte in Deutschland, mit täglich rund 60 weiteren. Johannes Pallasch von der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur formulierte die Kehrseite so: „Das Stromnetz ist voll.“ Auto-Experte Stefan Bratzel sprach von einem Wechsel von Quantität zu Qualität und sieht kein Erkenntnisproblem mehr, sondern ein Umsetzungsproblem.

Im Rückblick auf den Markteintritt sagt Boll, dass für Fastned 2017 eigentlich alles schwieriger war als gedacht: Flächen, Genehmigungen, Netzanschlüsse und Nachfrage. Beim Netz sieht sie in Deutschland inzwischen sogar größeres Potenzial als in den Niederlanden, wo die Netze schon sehr stark ausgelastet seien. Bei der Ausschreibung des Deutschlandnetzes mit rund 900 bis 1.000 Standorten entschied sich Fastned mitzumachen, obwohl das Unternehmen sich eigentlich weniger staatliche Intervention gewünscht hätte. Zu groß sei die Gefahr gewesen, dass sich andere Anbieter diese Standorte sichern. Wirtschaftlich betrachtet Fastned sein Geschäft über alle zehn europäischen Märkte hinweg, in denen das Unternehmen aktiv ist: Etabliertere Märkte wie die Niederlande oder Belgien tragen jüngere Märkte mit, Deutschland sei aber nicht mehr weit von einem eigenständig profitablen Geschäft entfernt.

Bei neuen Standorten bevorzugt Fastned weiterhin große Ladeparks mit einem Betreiber statt einer Ansammlung mehrerer CPOs nebeneinander, wie es sie laut Boll inzwischen an manchen Standorten mit fünf oder sechs Anbietern gibt. Ihr Vergleich: In Frankreich oder Belgien übernimmt ein Betreiber pro Raststätte die Verantwortung fürs Gesamtkonzept. Wer sich nur über den Preis differenziert, baue aus ihrer Sicht Mindeststandard statt Bestleistung.

Linda Boll war schon 2021 Gast in Phils früherem Podcast CleanElectric (Folge 129), damals als Public Affairs Managerin bei Fastned.

Quellen

4 Quellen von 3 Herausgebern

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