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Erst 100 Prozent, dann 90, jetzt 80. Laut Handelsblatt und FAZ haben sich Bundeskanzler Merz und Frankreichs Präsident Macron darauf verständigt, das Verbrenner-Aus noch weiter zu lockern, als es die EU-Kommission im Dezember ohnehin vorgeschlagen hat. Offiziell bestätigt haben beide das bisher nicht, Details werden noch verhandelt. Trotzdem sage ich es so deutlich, wie ich es sehe: Das ist eine Farce.

Zur Einordnung: Nach geltendem EU-Recht müssen neue Autos ab 2035 im Schnitt null Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Die Kommission will daraus eine Minderung von 90 Prozent machen. Die restlichen zehn Prozent sollen Hersteller mit CO2-armem Stahl, E-Fuels und Biokraftstoffen ausgleichen dürfen. Schon das hieße, dass nach 2035 noch 27 bis 29 Prozent der Neuzulassungen einen Verbrennungsmotor haben. Merz und Macron wollen jetzt weitere zehn Prozentpunkte ohne Ausgleich streichen. Und das Ziel für 2030 soll nicht mehr in einem Jahr erreicht werden müssen, sondern als Durchschnitt über fünf Jahre gelten, von 2028 bis 2032. Insider erwarten laut Handelsblatt, dass die Hersteller damit hohe Strafzahlungen vermeiden können.

Dabei ist der Markt längst weiter. Im September war in Deutschland jeder dritte Neuwagen ein Elektroauto (34,5 Prozent), und zum ersten Mal in einem Monat wurden mehr reine Elektroautos zugelassen als Benziner und Diesel zusammen. Seit Jahresbeginn sind es gut 600.000, rund 58 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Käufer und Hersteller bewegen sich. Die Politik bremst.

Die Zahlen dazu

34,5%
Anteil reiner Elektroautos an den Neuzulassungen im September 2026
27–29%
Neuzulassungen mit Verbrenner nach 2035, schon beim Kommissionsvorschlag
5Jahre
Mittelungszeitraum fürs 2030-Ziel (2028 bis 2032) im deutsch-französischen Plan

Stand: 8. Oktober 2026 · Quellen unten

Das konterkariert, woran wir seit mindestens zehn Jahren arbeiten: Klimaschutz, Energiewende, Verkehrswende, Antriebswende. Das Ziel für 2035 steht seit 2023 im Gesetz. Im Vertrauen darauf, dass das Datum hält, haben Hersteller Milliarden in Elektroplattformen und Batteriefabriken gesteckt, Netzbetreiber und Ladeanbieter in Netze und Ladepunkte. Jede neue Lockerung sagt denen, die vorangegangen sind: Das hättet ihr euch sparen können. Und sie belohnt die, die gebremst haben.

Wer sich auf ein Datum verlässt, wird bestraft. Wer es aussitzt, wird belohnt.

Der Ausgleich über grünen Stahl und E-Fuels klingt nach Technologieoffenheit. Für Autos ist er aber ein Feigenblatt. Das Umweltbundesamt hält strombasierte Kraftstoffe im Pkw für energetisch sehr ineffizient und erwartet, dass sie im Straßenverkehr keine spürbare Rolle spielen. Sinnvoll sind sie dort, wo sich nicht elektrifizieren lässt, bei Flugzeugen und Schiffen. Wer E-Fuels im Pkw verbrennt, setzt knappen erneuerbaren Strom schlecht ein.

Bitter ist auch, wie der Deal zustande kommt, nämlich als Tauschgeschäft. Deutschland braucht Frankreich, um im Rat der Mitgliedstaaten eine Mehrheit für die Aufweichung zu bekommen. Frankreich gehörte bisher zu denen, die am Verbrenner-Aus festhalten wollten. Der Preis: Berlin akzeptiert strengere „Made in EU“-Vorgaben für die Autoindustrie im geplanten Industrial Accelerator Act, obwohl es bisher auf offene Regeln für Partner wie die Türkei, Vietnam und Marokko gedrängt hat. Ob das industriepolitisch klug ist, darüber lässt sich streiten. Aber ein Klimaziel sollte nicht die Währung in einem Handelsgeschäft sein.

Noch ist nichts beschlossen. Im EU-Parlament wurde die Abstimmung im Verkehrsausschuss gerade um etwa zwei Wochen vertagt, das Plenum soll im November entscheiden. Laut Handelsblatt könnte das Parlament am Kernziel der Klimaneutralität festhalten. Ich hoffe, dass die Abgeordneten das tun. Wir brauchen das Gegenteil von dem, was Berlin und Paris gerade planen: ein Ziel, das hält, und einen Plan, wie wir es erreichen. Mit Netzen, Ladepunkten und Elektroautos, die sich Menschen leisten können. Das macht uns unabhängiger vom Öl und hilft Europas Autoindustrie mehr als jede Ausnahme.

Wie vehement hier versucht wird, Verbrenner-Technologie am Leben zu halten, macht mich wütend. Wir sehen deutlich, wie das fossile Zeitalter endet, und könnten zu den treibenden Kräften dieses Wandels gehören. Sollten wir es nicht sogar sein? Stattdessen glauben manche in Politik und Industrie fest daran, dass man nur oft genug betonen müsse, welche herausragenden Technologien Deutschland in den letzten fünf Jahrzehnten entwickelt hat, damit man auch weiterhin eine gestaltende Kraft in dieser Welt bleibt. Falscher kann man kaum liegen.

Phil

Phil macht Electric Shift News und fährt seit über zehn Jahren rein elektrisch. Anderer Meinung? Schreib uns.

Quellen

7 Quellen von 4 Herausgebern

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