Haibike, Ghost und Winora stecken in der Insolvenz. Die Accell Germany GmbH und ihre deutschen Tochtergesellschaften Winora Staiger, Ghost-Bikes sowie der Teile-Großhändler Engelbert Wiener Bike Parts haben am 5. August beim Amtsgericht Schweinfurt Anträge auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Der Umsatz der deutschen Gesellschaften lag im vergangenen Jahr bei über 340 Millionen Euro, rund 370 Beschäftigte an den Standorten Sennfeld und Waldsassen sind betroffen.
Bei einer Eigenverwaltung bleibt die bisherige Geschäftsführung im Amt und steuert die Sanierung selbst, beaufsichtigt von einem gerichtlich bestellten Sachwalter. Das Gericht hat dafür den Nürnberger Rechtsanwalt Dr. Stefan Debus bestellt. Die Löhne der Mitarbeiter sind über das Insolvenzgeld bis Ende Oktober gesichert. Das Verfahren begleitet die Kanzlei Grub Brugger.
Das erklärte Ziel ist eine Investorenlösung: Die deutschen Marken sollen aus der internationalen Accell-Gruppe herausgelöst und eigenständig weitergeführt werden. Als Argument dient die etablierte Marktstellung von Haibike, Ghost und Winora mit ihrer treuen Kundenbasis. Sanierungsberater Martin Mucha sieht darin eine Chance, die Unternehmen unter schwierigen Marktbedingungen neu aufzustellen, betont aber, dass der Erfolg von der weiteren Marktentwicklung und der Unterstützung aller Beteiligten abhänge.
Der Schritt ist die direkte Folge der Krise beim niederländischen Mutterkonzern. Die Accell Group hatte zuvor selbst Zahlungsunfähigkeit erklärt und in den Niederlanden einen gerichtlichen Zahlungsaufschub beantragt. Konzern-CEO Jonas Nilsson erklärte, dies sei eine Mitteilung, die man "niemals hätte veröffentlichen wollen". Auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern wurden Insolvenzanträge für Accell-Gesellschaften gestellt.
Die Wurzeln der Krise reichen zurück in den Corona-Boom. Die Nachfrage nach Fahrrädern und E-Bikes stieg damals rasant, Hersteller bauten Kapazitäten massiv aus. Nach dem Ende der Pandemie brach die Nachfrage ein, Lager blieben voll, Rabattschlachten folgten. Der europäische Fahrradmarkt erzielte 2025 laut einer EY-Analyse einen Gesamtumsatz von 17,4 Milliarden Euro, ein Rückgang von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2022 hatte der Umsatz noch bei über 22 Milliarden Euro gelegen.
Zusätzlich belastete ein Massenrückruf der Lastenradmarke Babboe den Konzern. Die niederländische Behörde für Lebensmittel- und Verbrauchsgütersicherheit stoppte 2024 den Verkauf von Babboe-Lastenrädern wegen Sicherheitsmängeln, die in einigen Fällen zu Rahmenbrüchen führten. Hinzu kamen die Schulden aus der KKR-Übernahme von 2022 für rund 1,6 Milliarden Euro. Im Februar 2026 ging die Gruppe im Rahmen einer Restrukturierung in den Besitz ihrer Gläubiger über, KKR stieg aus. Eine geplante Übernahme durch die Tri Star Group, eine Tochter der singapurischen Dutech Group, scheiterte trotz Genehmigung durch das Bundeskartellamt.
Für Kunden ist die Eigenverwaltung vorerst die bessere Nachricht als eine schlichte Abwicklung: Produktion, Vertrieb und Service sollen weiterlaufen, Garantie und Ersatzteilversorgung bleiben wahrscheinlicher als bei einem sofortigen Aus. Sicher ist das aber erst, wenn ein Investor gefunden ist.
Quellen
- 01wattmoves.de (E-Bike-Magazin)wattmoves.de/insolvenzwelle-accell-group-deutsche-fa…
- 02rosenheim24.dewww.rosenheim24.de/bayern/insolvenz-bei-bekannten-fahrradm…
- 03manager-magazin.dewww.manager-magazin.de/unternehmen/mobilitaet/accell-deutsche-…
- 04merkur.dewww.merkur.de/wirtschaft/accell-gruppe-mit-babboe-gho…
- 05bild.dewww.bild.de/regional/bayern/deutscher-fahrrad-herst…