Die Windenergie-Branche hat sich gerade erholt, die Auftragsbücher sind voll, die Unternehmen schreiben wieder schwarze Zahlen. Genau jetzt, warnt Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), könnten neue Gesetze alles zunichtemachen. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 16. August 2026 spricht sie Klartext über die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Reiche.
Der zentrale Streitpunkt ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt. Regionen sollen als "kapazitätslimitiert" eingestuft werden, sobald dort innerhalb eines Jahres mindestens fünf Prozent der erwarteten Stromproduktion wegen Netzengpässen abgeregelt wird. Für neue Anlagen in diesen Gebieten würden Ertragsausfälle von bis zu 20 Prozent nicht mehr vollständig entschädigt. Für finanzierende Banken bedeutet das: Sie müssen vorsorglich mit erheblichen Einnahmeausfällen kalkulieren, viele Projekte wären nicht mehr darstellbar.
Heidebroek hält die Fünf-Prozent-Grenze für willkürlich und zu niedrig. Ein besonders windreiches Jahr oder ein konjunkturbedingter Nachfragerückgang könnten bereits dazu führen, dass eine Region als Engpassgebiet gilt. Sie fordert eine Grenze von mindestens zehn, besser 15 Prozent. Zudem sieht sie ein europarechtliches Problem: Eine Entschädigung für netzbedingte Abregelungen ist grundsätzlich vorgeschrieben, pauschale Ausnahmen seien damit nicht vereinbar.
Dazu kommen weitere Eingriffe: eine bundesweite Begrenzung der Einspeiseleistung und Änderungen am Referenzertragsmodell. Treffen mehrere dieser Faktoren gleichzeitig auf ein Projekt, wird es unwirtschaftlich. Heidebroek zieht den Vergleich zu 2016, als ein verändertes Ausschreibungsverfahren unter den damaligen Ministern Gabriel und Altmaier den Ausbau massiv bremste. Die Branche habe damals fast zehn Jahre gebraucht, um sich zu erholen.
Besonders heikel: Die geplante Leistungsbegrenzung soll laut aktuellem Entwurf bereits für Anlagen gelten, die ab dem 1. Januar 2027 in Betrieb gehen. Viele dieser Projekte wurden vor vier bis sechs Jahren begonnen und haben bereits Ausschreibungen durchlaufen. Ein nachträglicher Eingriff in bestehende Geschäftsmodelle sei "Gift für den Investitionsstandort Deutschland", so Heidebroek.
Im Hintergrund lauert die chinesische Konkurrenz. Chinesische Hersteller werden staatlich unterstützt und können sehr günstige Anlagen anbieten. Bricht der europäische Markt ein, stehen sie bereit. Heidebroek warnt: Im schlimmsten Fall gäbe es mittelfristig keine wettbewerbsfähigen europäischen Hersteller mehr. Das gefährde nicht nur die 170.000 Arbeitsplätze in der Windenergie, sondern auch die Datenhoheit, denn Windanlagen sind Teil der kritischen Infrastruktur.
Eine Chance auf Korrekturen sieht Heidebroek im parlamentarischen Verfahren. Die Energieministerkonferenz der Bundesländer hat den Redispatch-Vorbehalt bereits einstimmig abgelehnt. Auch fehle im aktuellen Entwurf das Prinzip "Nutzen statt Abregeln", das Strom aus abgeregelten Anlagen vor Ort speicherbar oder nutzbar machen würde. Diesen Fehler hält sie für handwerklich gravierend, unter anderem weil er sinkende Strompreise verhindere.
Quellen
- 01Windkraft-Journalwww.windkraft-journal.de/2026/08/19/ein-stop-and-go-verteuert-an…