Deutschlands Strombörse schreibt 2026 früh Geschichte: Von Januar bis Ende Mai wurden an der EPEX Spot bereits 242 Stunden lang negative Preise für deutschen Strom registriert. Das sind mehr Negativpreisstunden als in jedem der Gesamtjahre 2016 bis 2021 und mehr als in sechs der vergangenen zehn Jahrgänge insgesamt. Das zeigt eine Analyse des Hamburger CleanTech-Unternehmens 1KOMMA5°, das dafür eigene Berechnungen und Daten der Bundesnetzagentur (SMARD.de) ausgewertet hat.
Im Schnitt lagen die Negativpreise in diesem Jahr bei minus 28,65 Euro pro Megawattstunde, was etwa minus 2,87 Cent pro Kilowattstunde vor Steuern und Abgaben entspricht. Den Extremwert setzte der 1. Mai: An dem Feiertag sanken die Preise bis auf minus 499,99 Euro pro Megawattstunde, also rund minus 50 Cent pro Kilowattstunde. Zuletzt war diese Marktgrenze im Juli 2023 erreicht worden. Geringe Industrienachfrage traf an dem Tag auf hohe Einspeisung aus Wind und Solar.
Allein im Mai zählte die Analyse 77 Stunden mit negativen Preisen. Das ist der dritthöchste Mai-Wert seit 2016, nach 129 Stunden im Mai 2025 und 78 Stunden im Mai 2024. Der kontinuierliche Anstieg der Vorjahre wurde damit auf hohem Niveau leicht unterbrochen. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2016 gab es nur 97 Negativpreisstunden, im Rekordjahr 2025 waren es 573.
"Negative Strompreise entstehen immer dann, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt", erklärt Jannik Schall, Produktchef und Mitgründer von 1KOMMA5°. "Das unflexible Stromnetz kann Überschüsse durch träge Kraftwerke, fehlende Speicher und zu wenig intelligente Steuerung nicht ausgleichen, sodass Erzeuger Geld zahlen müssen, damit ihr überschüssiger Strom abgenommen wird." Schall sieht das Problem nicht im Erneuerbaren-Ausbau selbst, sondern im fehlenden Tempo beim Aufbau von Flexibilität und Speichern.
Diese Einschätzung deckt sich mit dem, was auf dem BDEW-Kongress Anfang Juni in Berlin diskutiert wurde. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche verwies dort auf die 579 Negativpreisstunden des Jahres 2025 als Beleg dafür, dass Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit stärker in den Fokus müssten. Sie kündigte an, das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und ein Netzpaket noch vor der Sommerpause ins Kabinett bringen zu wollen. Zum Jahresende läuft die beihilferechtliche EU-Genehmigung für die bisherige EEG-Förderung aus, weshalb eine neue Regelung dringend gebraucht wird.
Für Haushalte sind negative Börsenpreise bisher kaum nutzbar. Voraussetzung ist ein intelligenter Stromzähler (Smart Meter) plus ein dynamischer Tarif plus ein automatisches Steuerungssystem, das Verbrauch gezielt in günstige Stunden verschiebt. Wer ein E-Auto oder eine Wärmepumpe betreibt, profitiert am meisten. Schall fordert deshalb einen flächendeckenden Smart-Meter-Ausbau: "Dann wird Strom für alle günstiger."
Quellen
- 01Windkraft-Journalwww.windkraft-journal.de/2026/06/16/negative-strompreise-2026-au…
- 02tagesschau — Wirtschaftwww.tagesschau.de/video/video-1596642.html
- 03pv magazine Deutschlandwww.pv-magazine.de/2026/06/10/reiche-auf-bdew-kongress-202…
- 04electrivewww.electrive.net/2026/06/10/china-erreicht-nev-rekordant…
- 05EU-Kommission Pressecornerec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/mex_26…